Gelbes Licht 2
Das Shirt, dass er um den Kopf gewickelt hatte, hatte er vorige Nacht zum Schlafen angehabt. Er hatte alles im Blick: Vorne die Fenster, hinter denen die Bahnmitarbeiter saßen und eine Brücke, die über die Abstellanlage führte. Links, hinter dem Güterzug auf dem Nebengleis den beleuchteten Parkplatz eines Autohauses und rechts, einige Gleise hinter dem Zug, unter dem er lag, die Verladestation eines weiteren Autohändlers mit dem Weg, auf dem die Bundespolizei unregelmäßige Kontrollrunden fuhr und jederzeit auftauchen konnte.
Sie malten abwechselnd, damit einer stets die potentiellen Gefahren im Blick hatte. Er war der Erste, der auf dem Boden lag, die Augen über die Umgebung gleiten ließ und die Wange mit dem umgeschnürten Shirt auf die Steine presste. Alles, was noch kam: das Bild, dass er auf den Zug malen würde, das Kauern hinter die Achsen des nebenstehenden Güterzuges bei auf den dahinter befindlichen Gleisen passierenden Zügen, die Rückfahrt über etliche Kilometer in der aufgehenden Sonne kurz vor dem Berufsverkehr des kommenden Tages; und alles, was schon gewesen war: die Anfahrt und Vorbereitung, die Beobachtung des planlos scheinenden Verhaltens der Bahnmitarbeiter aus dem Inneren des Zuges heraus, unter dem er nun lag, der Adrenalinstoß beim Vorfahren und Halten des Polizeiwagens nur einige Meter von ihnen entfernt, das Dosen nach Farben Markieren und das Schuhe binden; und auch das Händeschütteln nach dem erfolgreichen Ende der Aktion: All das genoss er und für Weniges auf der Welt hätte er es getauscht, doch das Eigentliche war dieser Moment unter dem Zug liegend: Völlig geschützt und doch von nichts als Gefahr umgeben, die Hände in eng anliegenden Einmalhandschuhen und bäuchlings auf der Erde, wie er nicht einmal im Sommer im Schwimmbad auf ihr lag, durchzog ihn eine große Ruhe. Ein paar Körperlängen hinter seinen Füßen sprühten sie Nebel durch das gelbe Licht an die Außenhaut des Zuges. Sie waren das Einzige, was er nicht sah, sondern nur hörte und so fühlte er sich wie ein Begleiter seiner selbst, als malte er dort gerade, angestrengt, präzise, vielleicht etwas gedankenlos.
Als der Nächste ihn ablöste, wäre er am liebsten liegen geblieben und hätte sich und der Welt gelauscht, der Ruhe und den Zügen und dem Sprühen. Doch er stand auf, nahm seinen Platz ein paar Körperlängen hinter dem nun mit der Wange auf den Steinen Liegenden ein und sprühte angestrengt, präzise und etwas gedankenlos farbigen Nebel an die Außenhaut des Zuges durch das gelbe Licht der Abstellanlage.
