Jeden Tag 1
Jeden Tag nimmt er ein leeres Blatt, zerknüllt es und lässt es in den Papierkorb neben dem Schreibtisch fallen. Das Knistern des Blattes, das sanfte Aufkommen auf den anderen Blättern: In der Welt würde man das gar nicht hören. Es fällt wie ein Kalenderblatt oder ein welkes Stück Herbstlaub. Jedem Blatt auf diesem Stapel wird es so gehen, fein säuberlich aufeinander geschichtet. Sein Jahr hat 500 Blatt, direkt aus der auch papiernen Hülle liegt es da im warmen Licht, wenn draußen noch Dunkel ist. Als könnte man darauf schreiben liegt es da, nur einen Stift bräuchte man in die Hand nehmen und schon könnte man schreiben und Seite um Seite vordringen. Zum Boden des Stapels, immer ein Stückchen näher. Und es würde sich ein neuer Stapel ergeben, nun mit beschriebenen Blättern, und lange Zeit wäre es in der Schwebe: das Verhältnis der Höhe dieser Stapel. Doch irgendwann wäre der Stapel der leeren Blätter überführt in einen Stapel beschriebener Blätter und ein beschriebenes Blatt, ein Wort würde genügen als Anfang, schon mit einem Strich wäre das Blatt nicht mehr leer. Doch wie beginnen? Welches Wort schreiben, welche Linie ziehen? Ja, nie hat er es geschafft, eine Seite zu beschreiben und wenn es doch einmal geschehen war in den letzten Jahren, dass er unvermittelt einen Stift in der Hand gehalten und ihn auf das Papier gesetzt und vielleicht gar eine Linie oder einen Strich gezogen hatte und womöglich das ein oder andere Wort entstanden war, dann setzte er sofort scheu den Stift ab und zerknüllte auch dieses Blatt, um es mit einem sanften Aufkommen in den Papierkorb fallen zu lassen.
