Das Schicksal Toms

Nachdem er sich gesetzt und das Gepäck neben sich verstaut hatte und die Kindergartengruppe doch noch über das Gleis des in die entgegengesetzte Richtung abfahrenden Zuges gelaufen (die Rucksäcke auf dem Rücken, in Zweierreihen an den Händen gefasst, vorne und hinten je eine Erzieherin) und eingestiegen war und sich unter großem Trara um ihn und sein Gepäck herum in kleine, miteinander rufende, kreischende, alles wissen wollende Grüppchen gefunden hatte, war klar: Tom, Tom fehlte. Zwar war vorher abgesprochen gewesen, dass er erst am Bahnhof zur bereits gemeinsam am Kindergarten losmarschierten Gruppe stoßen würde (am Bahnsteig hatten die Erzieherinnen diskutiert, ob man den Zug bei einer etwaigen Verspätung Toms nicht zumindest für eine kurze Zeit von der Abfahrt hindern konnte), doch tauchte das Auto seiner Mutter (ein dunkler Kombi) erst bei der Ausfahrt des Zuges aus dem von ihm, dem Kombi, beziehungsweise ihr, Toms Mutter, angesteuerten Bahnhof auf. Prompt (Toms Mutter hatte sich wohl über den geringen zeitlichen Abstand zwischen ihrer Ankunft am Bahnhof und der Abfahrt des Zuges klar sein müssen) setzte sie den Kombi zurück, wendete und fuhr nun dem bereits losgefahrenen Zug hinterher.

Das Manöver war klar: Tom sollte an einem der folgenden Haltepunkte im Zug untergebracht werden und je schneller, das heißt je früher das der Fall wäre, desto geringer wäre auch der Prestigeverlust der Mutter (die ja die Abfahrtsuhrzeit vergessen beziehungsweise die Fahrtzeit zum Bahnhof falsch berechnet hatte oder aus welchen Gründen auch immer ihrer Pflicht nicht nachgekommen war und nun überhaupt als wortbrüchig zu gelten hatte). Nach einer kurzen allgemeinen Aufregung diskutierten die Erzieherinnen für eine über die übliche Erwartbarkeit hinausgehende Leistung (eine Ablieferung Toms bereits beim nächsten, nur etwa einen Kilometer entfernten Haltepunkt) gar einen Prestigegewinn. Auf diesem ersten Kilometer – die Kinder stritten nach anfänglichem Interesse für das Schicksal Toms lieber über den Standort des Kindergartens und der Häuser verschiedener allgemein bekannter Angehöriger (manche hatten links dasjenige gesichtet, was rechts doch schon einige hundert Meter vorher identifiziert worden war) — Auf diesem ersten Kilometer, die Straße führte etwa hundert Meter parallel (links) zur Zugstrecke über ein kurzes Stück Landstraße (für das er in der vierten Klasse, vom Ende des einen Dorfes zum Beginn des anderen (markiert durch die Ortsschilder in gelb), ziemlich genau 3 Minuten 30 brauchte. Das weiß er noch, weil er vorher mit den damaligen Mitschülern – von außen wahrscheinlich genauso ein sich stets neu, aber nie harmonisch arrangierender Haufen, wie er nun um ihn und sein Gepäck und wiederum auf dem gleichen Stück Strecke, nur eben hundert Meter parallel (rechts) und im Zug saß, darstellte – wettete und die Zeit stoppte, damals — Heute brauchte er im Zug für diese Strecke nur einige Sekunden und genau das stellte ja die besondere Herausforderung für die Mutter Toms dar (und den Grund des etwaigen Prestigegewinns oder zumindest der Wiedergutmachung ihres Eingangsfehlers). Und außerdem war er die Strecke nur dieses eine mal gelaufen (was allerdings so nicht stimmte, wie ihm nun auffiel, da er die Strecke hin und zurück etwa zehn mal gelaufen sein muss, jedoch nur einmal tagsüber, sprich bei Licht, wie jetzt – wobei es also insgesamt eine ungerade Zahl an Gängen sein musste, da bei besagtem Ausflug eine Rundstrecke gewählt worden war und er so die 3 Minuten 30 genau betrachtet in der entgegengesetzten Richtung des nun auch gleich oder gerade oder schon nicht mehr auf diesem Stück Landstraße fahrenden dunklen Kombis gelaufen war (Der Kombi: gesteuert von Toms Mutter, Tom wahrscheinlich auf der Rückbank auf einem, seinem Kindersitz – vielleicht sogar auf der rechten Seite, die dann also sein Stammplatz war und von der aus er nun sicher fieberhaft nach dem auf seiner Seite irgendwo entlangfahrenden Zug Ausschau hielt. Wahrscheinlicher saß er aber links, damit ihn der oder die Fahrende ohne umständlich ums Auto (den Kombi) herumlaufen zu müssen an- und abschnallen konnte. Aber selbst oder gerade dann wird er nach rechts geschaut haben und das Verrenkenmüssen und die eingeschränkte Sicht werden die Aufregung oder das Unbehagen Toms über die Situation verstärkt haben). Und eigentlich war da eine kleine Steigung (nun zugunsten des dunklen Kombis, allerdings auch des Zuges) auf dem kurzen Stück Landstraße und so wäre er damals in der vierten Klasse wohl jenes Stück in der nun entscheidenden Richtung in etwas weniger als 3 Minuten 30 gelaufen. Ob er dann auch richtig gewettet hätte? Jedenfalls wurde ja nun statt gelaufen Auto (Kombi) gefahren und es war klar, dass der Erfolg des Unternehmens, das übrigens auf dem nächsten, diesem Kilometer nicht eintrat, auch kaum von der in das Stück Landstraße eingeschriebenen Einzig- und Bestzeit eines damals Viertklässlers und heute Zugfahrers mit Gepäck abhängen würde.).

Auf dem nächsten Kilometer (nun bis zum nächsten Haltepunkt, der wiederum im nächsten Dorf lag und wiederum über ein kurzes, aber im Vergleich zum vorherigen doch etwas längeren Stück Landstraße zu erreichen war, das im Gegensatz zum vorherigen auch nicht gerade, sondern leicht s-förmig war, sodass die Entfernung des Zugs zur Straße, der selbst auf einer versetzten S-Linie durch ein kleineres Industriegelände geführt wurde, schwankte) — Auf diesem nächsten Kilometer wurden die Spekulationen der Erzieherinnen um den Zustiegsort Toms zum Zug und zur durcheinanderbrüllenden Gruppe bezüglich des nächsten Haltes zuversichtlicher. Nun müsste es doch zeitlich klappen, zumal der Zug ja auch gerade langsamer fahre und der erstmögliche Stop wahrscheinlich gar nicht avisiert worden war, um einen entscheidenden Vorsprung herauszufahren. Der Zustieg bereits am letzten, erstmöglichen Haltepunkt sei sowieso nicht zu schaffen gewesen, obwohl der Kombi auf der auch im Dorf des Haltepunktes etwa hundert Meter parallel (links) des Zugs entlangführenden Straße zwischen den Häuserreihen (im Schnitt standen drei Häuserreihen zwischen parallel laufender Zugstrecke und Straße) gesehen worden war. Und obwohl die Kinder im dadurch für kurz neu aufbrandenden Interesse am Schicksal Toms auf Geheiß eines hinter ihm und seinem Gepäck ebenfalls auf der linken Seite sitzenden Jungen (Paul), der eben den dunklen Kombi auf der linken Seite zwischen den meist drei Häuserreihen beziehungsweise dahinter, auf der Straße, gesehen hatte – obwohl sie also alle, die Pauls und Linas und Lisas (aber nicht Tom, der sich bestimmt an dem Spiel beteiligt hätte) riefen, das Auto, den Kombi, mit Tom drinnen!, gesehen zu haben, sprachen die Erzieherinnen immer nur von sich, dass sie den Kombi (die Eva) gesehen haben und so waren sie, die Erzieherinnen, sich einig, dass es also nun zu schaffen wäre für Tom beziehungsweise seine Mutter, die Eva, dass es eigentlich schon geschafft war und Tom gleich zusteige.

Auf den dann folgenden Kilometern drei und vier der Fahrt (aus Sicht der Kindergartengruppe beziehungsweise der Begebenheit), hätten die Diskussionen der Erzieherinnen durchaus ein Ende finden können – davon abgesehen, dass sie Toms Zusteigen und somit sein Schicksal sowieso zu keinem Zeitpunkt zu beeinflussen vermocht hatten oder hätten. Kurzum: Es war der dritte und entscheidende Haltepunkt für Toms Zusteigen, entscheidend, weil es der letzte Haltepunkt vor einer doch einige Kilometer mehr und zum vorläufigen Ziel der Kindergartengruppe (die Stadt), führenden Strecke war (eine Bundesstraße, wobei bis zum Beginn der Stadt auch eine Landstraße (die Landstraße) parallel zum Zug (nun rechts) entlangführte (die Bundesstraße erst links, dann rechts und zu keinem Punkt wirklich parallel zur Zugstrecke). Die war (die Landstraße) jedoch zum Halten und gar Herausfahren eines Vorsprungs auf den Zug völlig ungeeignet). Dass also Tom beim dritten Haltepunkt zusteigen musste, allein deshalb, weil ihn seine Mutter (die Eva) sonst bis zum vorläufigen Ziel in der Stadt gefahren hätte (dem Bahnhof) (ob Bundesstraße oder Landstraße wäre dann egal gewesen – es wäre aber sicher die Bundesstraße geworden), war allgemein und grundlegend klar. Wahrscheinlich selbst dem Lokführer, der bestimmt die Eva auch kannte und den dunklen Kombi links der Strecke gesehen hatte, auf dem ersten kurzen Stück Landstraße bereits oder durch die meist drei Häuserreihen zwischen Zugstrecke und Straße hindurch, oder auch wenn er sie nicht kannte, war ihm der Wagen etwa hundert Meter parallel links aufgefallen. Und dann hatte er sicher – davon war, denn das war sein Beruf, auszugehen – die immer gleiche Erzieherin (weißes Top, füllig) an den beiden Haltepunkten die gleiche Türe (hinten links) öffnen und sich umschauen, vielleicht auch einmal einen Schritt aus der schützenden Lichtschranke treten gesehen (ohne jedoch auszusteigen oder jemanden in Empfang zu nehmen). Schauen über seine Rückspiegel musste er ja auch immer, wenn eine Tür an einem Haltepunkt geöffnet wurde, um zu sehen, dass er sie wieder schließen konnte und niemand oder nicht etwa Gepäck auf dem Bahnsteig zurückbliebe (durch sein überhastetes und ungeprüftes Schließen der Türen). Außerdem kannte er diese Geschichten vom Zusteigen und dem Schicksal Toms oder Peters oder Leons bestimmt zuhauf. — Auf den nächsten beiden Kilometern zwischen Haltepunkt zwei und drei, auf denen also klar war, dass Tom nun zusteigen musste und er wahrscheinlich schon samt der Mutter Eva vor dem direkt am Haltepunkt abgestellten dunklen Kombi stand (sie, die Eva, hatte also anscheinend auch Haltepunkt Zwei nicht avisiert, eventuell, so mutmaßte die andere Erzieherin (hellblaues Top, grüne Cap und Sonnenbrille) über die immernoch durcheinanderbrüllenden Kinder hinweg, wegen einer neu installierten Baustelle im Ort von Haltepunkt Zwei (in der betreffenden Richtung noch vor dem Bahnhof), das hatte ihr ihr Mann gestern nach der Heimfahrt von der Arbeit erzählt (er arbeitete in der Stadt und fuhr erst die Landstraße parallel zur Zugstrecke und dann die schnellere Bundesstraße und also hinaus das selbe andersherum. Lange warten hatte er müssen an der Baustellenampel, etwa so lang, dass er insgesamt so lang für den Heimweg von der Arbeit brauchte, wie wenn er nur Landstraße gefahren wäre). — Während dieser zwei Kilometer steigerte sich das Prestige Evas wieder in dem Maße, in dem nun die Erzieherinnen sicher sein konnten, dass Tom zusteige. Je sicherer sie wurden und waren, desto klarer wurde und war ja nun auch, dass Haltepunkt drei die einzig logische Zusteigemöglichkeit gewesen war, von vorneherein und sowieso. Nun konnten sich die Erzieherinnen lachend auf die Stirn klatschen, ha, das sei ja logo gewesen, klaro, natürlich. Und nun war auch offenkundig, dass die Verspätung des dunklen Kombis (von der Eva gesteuert und mit dem Tom darin) überhaupt nur stattfand, damit sie, die Erzieherinnen, den richtigen Zustiegspunkt Toms auf der vier Kilometer und drei Haltepunkte umfassenden Strecke herausbekämen. Zumindest war der Faux-Pas Evas sicher nicht selbst verschuldet (vielleicht noch eine neue Baustelle, womöglich gar im eigenen Ort? Oder doch die Nachbarin, sicher die Nachbarin). Die Eva sei halt eben auch eine gute Mutter.

Als der Zug in den dritten Haltepunkt einfuhr (einige und somit alle Kinder hatten Tom schon mehrmals auf dem zwei Kilometer langen Teilstück an immer neuen Bahnhöfen rechts und links erspäht), stand tatsächlich ein dunkler Kombi auf dem Parkplatz, die Eva und der Tom davor, schon auf dem Bahnsteig stehend (das war nur ein Schritt aufs Pflaster vom Kies). Die Kinder hingen nun alle an den Fenstern (rechts, denn kurz vor dem Haltepunkt hatte die Straße die Zugstrecke gekreuzt), die Erzieherinnen standen an der Tür (auch rechts), die Eva hatte eine (tolle) neue Frisur und die Kinder sahen den Tom und der Tom sah die Kinder (auch den Paul, die Lina und die Lisa) und Tom stieg ein und nach dem (geprüften) Schließen der Tür war der Tom im Zug. Und er weinte und weinte und weinte und konnte nicht beruhigt werden.