Raue Hügel

Wenn die Wippe kippt, wird er sicher noch etwas balancieren können, doch irgendwann strampelt er oben und rutscht langsam über die Stange. Er wird nicht mehr bestimmen können, wo es für ihn hingeht. Die Kraft, sich von der Erde abzustoßen, wird schwinden und das Wissen, dass man doch unweigerlich auf sie zurück muss, wird ihn zusätzlich beschweren. Träge wird er sein, Dinge wird er geschehen lassen müssen. Lange wird er da stehen, die Wippe zur fernen Erinnerung verkommen. Aber so ungewiss, dass da wirklich mal eine war, ist es nicht.

Kleiner wird er sich vorkommen und lang werden die Arme an ihm herabhängen, wie Pendel im Wind, und das Rückgrat wird langsam nachgeben, der Schwerkraft, der Erde. Der Kopf wird den Boden zuerst erreichen, die Hände nun in scheinbar übertriebenem Gestus in die Höhe gestreckt, die Finger verbogen in alle Richtungen. Jahrelang bleiben nur sie, die Finger, die im Wahn, alles zu tasten, sich an etwas festzuhalten und wieder in aufrechte Position zu bringen, sich in immer neuen Winkeln verbiegen und aus den Gelenken springen. Wenn er noch sehen könnte, wären seine Augen bis zum Zerreißen geweitet, doch sein Kopf ist, wie seine Füße bis annähernd zu den Knien hinauf, bereits mit der Erde verwachsen, verholzt.

Langsam, ganz langsam bewegt er sich nur noch, oder wird es nur ein leichter Wind sein, der durch die verdorrten Finger weht? Stück für Stück wird die Hüfte einklappen, werden die Übungen zu Lockerung und Steigerung der Beweglichkeit seinen Verfall beschleunigen. Im Winder wird er diese Verknappung seines Zustands anfangs vielleicht begrüßen können und in einen eher stoischen als störrischen Schlaf fallen, doch seine Vorfreude auf den Sommer wird zunehmend enttäuscht werden und also abnehmen und langsam, zusehends wird ihm auch im Juli frösteln und mit den Jahren wird selbst die Wiedergeburt des Frühlings einen fahlen Beigeschmack haben.

Als Betrüger wird er sich fühlen, und als Betrogener. Dass es nicht ewig weitergeht, hatte ihm keiner der Alten gesagt. Da die meisten ja nur noch ihre hinterrücks in die Höhe gereckten Finger bewegen konnten und viele schon soweit zusammengesunken waren, dass jede Vorstellung, dieser Zustand sei durch eine gewissermaßen natürliche, jahrelange Entwicklung erreicht und nicht durch ein Ereignis, etwa die Bestrafung einer besonderen Schuld, bedingt worden, nicht glaubhaft schien, war für ihn und für viele der Unterschied zwischen einem Alten und einem Baum nicht auszumachen. So kam es auch vor, dass Kinder in ihrem Übermut einzelne in die Luft gereckte Finger abbrachen und sie, Zweigen gleich, als Hilfsmittel für kleine Staudämme und andere Spiele im Freien nutzten.

So wird also auch er dort stehen und werden Kinder zunächst noch bei plötzlich einsetzendem Regen schutzsuchend unter seinen Bauch wie er unter einen solchen Bauch gekrochen war kriechen, und so wird schon nach wenigen Jahren der Platz zu eng werden und werden sich die meisten sowieso vor den Schauergeschichten fürchten, dass sich in den Gebilden manchmal ein Grollen erhebe und sie plötzlich zu rucken beginnen. So stehen er  und die Alten als Skulpturen ihrer Selbst, allein, verstreut über Dörfer und Wiesen.

Und einmal, viele Jahre, nachdem sich Igel in den zusehends schmaleren Räumen zwischen Bauch und Erde ihr Winterlager gebaut und sich Kinder beim Versteckspiel auf die kleinen nun mit Gras bewachsenen Hügel gestellt haben werden, wird er verstehen und verstanden haben wie sie es vor ihm und nach ihm verstehen und verstanden haben und es wird nichts mehr an die Schmerzen erinnern, an das Juchzen beim Hochspringen auf der Wippe, an die kalten Herbstwinde allein auf weitem Feld und an das Lächeln all jener, die das und das mit dem und dem geteilt haben und ein gutes oder schlechtes Leben hatten. Nur der Wind wird noch rauschen und ein fernes Kinderlachen über die rauen Hügel der offenen Ferne nach Hause tragen.