Herbst

Was bleiben wird, sind ein paar Fotos, ein Album, vielleicht zwei. Erinnerungen, ja. Doch auch die werden verblassen. Und mit wem wollen sie geteilt sein, in einer anderen Zeit, in die nichts mehr hineinragt als Fragmente von ihm, alt, verbraucht, leer oder voll – das ist einerlei – aber einsam. Alles, was nicht nach wenigen Tagen geputzt ist, ist irgendwann verblasst oder ersetzt, Häuser sind neu gestrichen oder abgerissen und die Herbstblätter im Park haben den Boden schon unmerklich, aber unaufhaltsam angehoben. Irgendwo, wo der Zufall es will, wird ihm ab und zu noch ein Stück Vergangenheit entgegenragen, ein Schriftzug, ein Strich, wie ein Gruß aus einer anderen Zeit. Und er wird flüchtig vorbeigehen, nur scheu schauen, sich aus altem Reflex beobachtet fühlen. Oder vielmehr doch stehen bleiben, versinken, die Hände in den Taschen, denn Herbst wird sein. Suchen wird er, mit den Augen über das Bild huschen, über den fast kontrastlosen Strich, nach dem Teil von sich, der schon solange darin steckt, bis zu diesem Tage, eine Zahl an Jahren, für die seine Finger schon lange nicht mehr reichen. Und er wird mit den Fingern die Linie entlangfahren, gebannt, unfähig, den Blick zu lösen. Ja, schwach wird er sein in solchen Momenten, so verletzlich wie es ihm schon immer klar hätte sein sollen. Zu wissen, alles ins Nichts zu schreiben, hat ihn abgehärtet. Auf das Nichts ist er eingestellt, damit hat er gelebt. Aber das genau dieses geblieben ist, hier, jetzt? Und als wäre es das erste mal, wird alles wiederkommen, ihn anrauschen wie der Herbstwind, und er wird stehen, im Wind, und wie früher wird ihm wohl werden im Frösteln. Ja. Sein Telefon wird in der Tasche vibrieren, Papa, holst du uns heute nicht ab? Und er wird seine Kinder an sich drücken und ihnen sagen, wie stolz er auf sie ist und wird zuhause beim Abendessen die Hand seiner Frau halten und mit den Kindern scherzen und in tiefen, ruhigen Zügen schlafen.

Doch das alles zählt jetzt nichts. Er zieht den Strich zuende, denn es ist nur ein Strich von Tausenden, und er steckt die Hände in die Taschen, denn es ist Herbst.