Er und Sie

I

Hallo, sagte der Vater, komm doch rein. Hallo, sagte er, danke. Man ging nach einem sicher nur einseitig verspürten Befangenenheitsmoment an den Familienbildern vorbei und setzte sich ins Wohnzimmer. Das war das Zimmer der Mutter und so saß sie schon da. Er traute sich die Frage, von der allen klar sein musste, dass er sie stellen würde, die Frage, die in ihrer Selbstverständlichkeit eigentlich garnicht zu stellen war,  die Frage, die mit seinem Eintritt auch bereits den Raum betreten hatte und nun mit ihm in diesem, dem Raum, stand, nicht auszusprechen. Mutter und Vater bemerkten nichts. Er hatte sich abgewöhnt, zu glauben, sie taten nur so. Sie taten niemals nur so weil sie immer so waren wie sie waren und sie waren wie ihre Räume: eine Symmetrie, die die Ungleichheit und damit das Problem und damit die Sache an sich auflöste. Hier bestand alles aus solchen Symmetrien. Man musste sich in einen dauerhaften Alarmzustand zwingen, um das Anliegen und damit die Frage und damit sich in dieser geometrischen Geborgenheit nicht zu verlieren. Na, was treibt dich zu uns, fragte der Vater. Die Mutter saß, die Beine angewinkelt aufs Sofa drapiert, an seiner Schulter wie die Gespielin eines Pharaos. Nicht, dass sie aus Langeweile oder Höflichkeit dasaß, sie schien weder mit etwas anderem noch übermäßig mit ihnen beschäftigt. Sie saß einfach so da, als sitze man so. Man musste denken, sie freue sich ganz persönlich über seinen Besuch und sich dann auch freuen. Er sagte: Nun, nichts Bestimmtes, und wurde von der hinter den Herbstwolken hervorspringenden Sonne ertappt. Schön, meinte die Mutter. Der Vater drehte ihr den Kopf zu und sagte dann: Ja, schön. Und beim Zurückdrehen: Wie gehts dir denn so?

II

Obwohl er wusste oder zumindest nach der Vorstellung handelte, dass an und in diesem Haus alles gleichermaßen unaffektiert und ehrlich war, wusste er oder handelte er zumindest nach der Vorstellung, dass sich nur eine Antwortmöglichkeit bot: Natürlich ging es ihm gut und je ehrlicher die Frage gestellt war, desto ehrlicher und tiefer musste sein Gutgehen in diesem Moment ausfallen. Gut geht es mir, sagte er also, sehr gut, danke. Der Vater: Ja, das sieht man dir an, Kumpel. Die Mutter vollführte einen Augenaufschlag wie eine Katze oder ein Laubbaum: Ja, finde ich auch. Ihre Hand zog der Vater auf sein Knie, das, wie immer, wenn er saß, im rechten Winkel eingerastet schien. So saß man. Der Sohn war heimgekommen, hatte sich an den Esstisch gesetzt, zu Mittag gegessen und sich nach dem Verstauen des Geschirrs nun wieder an seinen, zuvor genutzten Platz begeben. Vater und Mutter und also auch er hatten sich dazu gesetzt. Nun schien die Familie komplett, wie sie es immer schien, egal, ob nur einer, einige oder alle beisammen waren. Stets war die sich durch Dazutreten oder Entfernen einer oder mehrerer Personen ergebende Konstellation diejenige, von der zu ahnen nicht möglich gewesen war, dass sie und nur sie die nun objektiv richtige sein musste. So auch jetzt: Die Familientrias hatte sich zu einem gleichschenkligen Dreieck geformt und saß ihm, der Vater in der Mitte, gegenüber am Esstisch.

III

Flachwurzler, dachte er. Flachwurzler, die nach einem heftigen Sturm die Wurzeluntertasse nach oben voran wie ein Fehler der Natur ungerührt herumliegen. Tiefwurzler brechen entweder entzwei oder aber bleiben trotzig stehen; Flachwurzler jedoch bleiben selbst dann von allem unberührt, wenn sie schon umgefallen sind; ihre Wurzeln ragen stur in den Himmel, als sei nichts geschehen oder als sei es die neueste Mode. Sie bemerken sicher nicht einmal, dass sie gefallen sind und nun da liegen. Die Baumkrone sieht ja weiterhin nur den Wurzelteller unter sich, der kurzerhand mit aus der Erde gebrochen ist. Und die Nähe zur sonstigen Erde wird eine Krone sicher als Laune der Natur, die man gütig wegsteckt, verbuchen. Für solche Flachwurzler, die mit der Welt nur so oberflächlich in Verbindung stehen, dass diese sie nicht einmal zu brechen vermag, ist ihre eigene Realität immer die absolute Realität. Genau genommen stecken sie nicht auf und in der Erde, sondern andersherum organisiert sich diese um sie herum. Und wenn ein Flachwurzler überlegt, sich liegend auszuruhen und die Erde dabei nicht nachkommt, dann kann das groteske Bild sicher kaum dem Flachwurzler zur Last gelegt werden.

IV

Erschrocken stellte er fest, dass er sich unterhielt. „Ja, ganz recht“, sagt er nun, geradeaus zum Vater hin, und hoffte, keine ruckhafte Gemütsregung zu zeigen. Wie weit das Gespräch fortgeschritten war oder über was gesprochen wurde, war nicht auszumachen. Auch sich umzuschauen war ihm nicht möglich, alle Kraft hatte er aufzuwenden, den Blick des Vaters zu erwidern. Sein, des Vaters, Gesicht verriet nichts. Auf ihn wirkte es, als sei längs über es, mitten über Haare, die Nase und den Mund teilend, eine nicht sichtbare Linie gelegt worden. Falten wollen hätte das Bild vor ihm dort entlang, so symmetrisch war es, waren die Seiten seines, des Vaters, fast kubistisch verschachtelten Gesichts. Unvorstellbar, dass sich eine einzelne Braue in diesem Gesicht eigenmächtig erheben würde, um ihr Unverständnis auszudrücken. Der Vater verstand alles in seiner Welt, und seine Gesichtszüge wussten das. Seine ihm zur Seite sitzende Familie wohl auch. Wahrscheinlich verstanden sie selbst alles. Sie hingen an seinen, des Vaters, Lippen, der Sohn rechts, die Mutter links von ihm. Keiner von beiden brachte sich in das Gespräch ein, es standen auch weder er noch sie auf. Nicht, dass es ein Zwang gewesen wäre, sitzen zu bleiben; nicht, dass sie gegenteilig teilnahmslos im Raum herumstierten. Es schien vielmehr das Selbstverständlichste und Schwereloseste, dort so zu sitzen, wie sie es taten, während die Wände um sie herum immer deutlicher verliefen.

V

Dann war es geschehen, er erschrack, zuckte, war schon im Gehen, bevor er ganz aufgestanden war. Ach, ganz vergessen habe er das, völlig vergessen. Seine Deckung brach, alles stob auseinander, Bäche rannen ihm am Körper entlang, die Sonne kollabierte. Auf Wiedersehen, sagte der Vater. Ganz bestimmt, sagte er und verschwand nach einem Händedruck über die Holztreppe, die wie immer keinen Laut von sich gab. Dass sie ihm da entgegen kam, nahm er schon garnicht mehr wahr.